Mit dem Digital Services Act und dem AI Act hat die EU ein regulatorisches Rahmenwerk geschaffen, das weltweit seinesgleichen sucht. Die einen sehen darin einen Standortnachteil, der Innovation hemmt und Talente vertreibt. Die anderen betrachten es als Qualitätsmerkmal, das europäischen Technologieunternehmen langfristig Vertrauen und Marktvorteile verschafft. Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte – und hängt stark von der Unternehmensgröße ab.
Compliance-Last für Startups
Für Startups und kleine Unternehmen sind die Compliance-Anforderungen des AI Act eine echte Belastung. Risikoklassifizierung, technische Dokumentation, Konformitätsbewertung – all das erfordert Ressourcen, die in der Frühphase eines Unternehmens kaum vorhanden sind. Die Folge: Gründer wählen Standorte mit geringerer regulatorischer Last, oder sie meiden Hochrisiko-Anwendungen, wo eigentlich das größte Innovationspotenzial liegt. Die Talentabwanderung in Richtung USA und Asien ist nicht nur Anekdote, sondern messbarer Trend.
Das Gütesiegel-Argument
Die Gegenposition argumentiert, dass regulatorische Klarheit langfristig Investitionssicherheit schafft. Unternehmen, die den AI Act erfüllen, können dies als Vertrauenssignal gegenüber Kunden nutzen – ähnlich wie die CE-Kennzeichnung bei physischen Produkten. Für große Unternehmen mit vorhandenen Compliance-Strukturen mag das zutreffen. Der Schlüssel liegt darin, die Regulierung so zu gestalten, dass sie für große Anbieter Standards setzt, ohne kleine Innovatoren zu erdrücken.