Die öffentliche Verwaltung in Deutschland gibt jährlich hunderte Millionen Euro für proprietäre Software-Lizenzen aus, während Open-Source-Alternativen mit Bruchteilbudgets auskommen müssen. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Abhängigkeitsstrukturen. Gleichzeitig demonstrieren einzelne Vorreiterprojekte, dass ein anderer Weg möglich ist – wenn der politische Wille vorhanden ist.
Das Verhältnis 481 Millionen zu 950.000
Die Bundesverwaltung investierte zuletzt rund 481 Millionen Euro in Microsoft-Produkte. Dem gegenüber standen etwa 950.000 Euro für die Entwicklung von openDesk, der Open-Source-Arbeitsplatzlösung des Bundes. Dieses Verhältnis von über 500:1 illustriert nicht nur eine budgetmäßige Schieflage, sondern auch eine strukturelle Pfadabhängigkeit. Datenmigration, Schulungskosten und die Integration in bestehende Prozesse machen einen Wechsel teuer – ein Effekt, den Anbieter proprietärer Lösungen strategisch nutzen.
Frankreich versus Deutschland – zwei europäische Wege
Frankreich verfolgt mit seiner Strategie einen deutlich konsequenteren Kurs. Der französische Staat fördert aktiv Open-Source-Software in der Verwaltung, betreibt eigene Code-Repositories und hat verbindliche Präferenzen für quelloffene Lösungen verankert. Deutschland hingegen agiert fragmentiert: Während Schleswig-Holstein den vollständigen Umstieg auf LibreOffice vorantreibt, halten andere Bundesländer an Microsoft-Verträgen fest. Diese Inkonsistenz schwächt die Verhandlungsposition gegenüber Anbietern und verhindert Skaleneffekte bei Open-Source-Implementierungen.
Der Weg zu echter Souveränität
Digitale Souveränität bedeutet nicht zwangsläufig vollständige Abkehr von proprietärer Software, wohl aber die Fähigkeit, Alternativen zu haben und Abhängigkeiten bewusst zu steuern. Dafür braucht es dreierlei: erstens eine konsistente nationale Strategie mit verbindlichen Zielen, zweitens eine nachhaltige Finanzierung von Open-Source-Ökosystemen jenseits von Pilotprojekten und drittens den Aufbau eigener Kompetenz in der öffentlichen Verwaltung. Solange die Budgetverhältnisse bei 500:1 liegen, bleibt digitale Souveränität eine Absichtserklärung ohne Substanz.